• Sandra

Abenteuer beginnen da wo Pläne enden

Aktualisiert: 11. Juni

Ca. 30 Minuten vom Weiss Lake entfernt ist der Little River Canyon Falls Park, der schien mir einen Besuch wert. Vorab informiere ich mich im Internet immer über den jeweiligen Park und die Gegebenheiten, da natürlich nicht alle Trails per Rolli machbar sind. Dennoch gibt es eigentlich in jedem Park ein paar Wege, die für Rollifahrer ausgewiesen sind. Der Park war nicht groß und die Hauptakteure waren - wie der Name schon vermuten lässt - die Little River Falls (Wasserfälle). Zu gerne wäre ich den steilen Weg zum Ufer des Wasserfalls runter gekraxelt, aber meine Kletterkünste waren schon mal besser. Also begnügte ich mich mit dem bequemeren Weg, der über einen Holzsteg nach unten zu einer Aussichtsplattform mit Blick auf die Wasserfälle führte. Da es die letzte Zeit relativ wenig geregnet hatte waren die Wasserfälle verhältnismäßig „harmlos“ aber dennoch sehr schön anzusehen.


Nach dieser kurzen Stippvisite verließen wir den Bundesstaat Alabama in östlicher Richtung. Wir fuhren ca. 160 Meilen (ca. 260 km) nach North Carolina. Eigentlich hatten wir diesen Bundesstaat schon auf unserer Reise Richtung Süden passiert, aber nicht diesen an Tennessee angrenzenden Teil. Es war spät nachmittags als wir am Nantahala River unser Lager aufschlugen. Der Parkplatz war fast leer und es stand nirgends, dass „Overnight Parking“ verboten wäre. Nachdem wir zu Abend gegessen hatten, wollte ich mit Lennox zum Fluß. Auf dem Weg vom Bus bis zum River waren es nur ein paar Meter, aber es war schon recht dunkel... deswegen erschrak ich umso mehr als Lennox neben mir einen plötzlichen Satz zur Seite machte. In der Dämmerung sah ich wie sich - scheinbar genauso erschrocken – eine Schlange davon schlängelte. Leider konnte ich nicht erkennen was es für eine war. Danach war Lennox irgendwie nicht mehr so motiviert weiter zu gehen und um jeden rumliegenden Ast machte er einen großen Bogen. Wir schafften noch ein paar Meter bis zum an uns vorbei rauschenden Fluss und dann kam das Wasser von oben und zwar in Strömen. Der Regen setzte quasi von jetzt auf gleich ein. Zum Bus zurück waren wir definitiv schneller als auf dem Hinweg. Die Nacht war ruhig und ereignislos.

Unser nächstes Ziel lag in 65 Meilen weiter Entfernung und hieß Great Smoky Mountains National Park.

Wir waren uns bewusst, dass die Berge eine Herausforderung für den Bus darstellen werden, aber was wir an diesem Tag noch erleben würden, ahnten wir nicht mal ansatzweise.

Der erste Teil der Reise war gemütlich, zumindest für uns… die Autos hinter uns waren wahrscheinlich eher genervt. Aber ein 10 t schwerer Schulbus ist halt kein D-Zug. Die Ausziehcouch hatte außerdem eigene Pläne und beschloss sich in einer Kurve in voller Gänze zu entfalten. Halb so wild.

Und dann war es wieder da, das Problem namens „Warn Engine“ (siehe Blogbeitrag „Die Lösung ist immer einfach, man muss sie nur finden“). In alter Manier verließ uns die Power beim bergauf fahren. Ich war enttäuscht, hatte ich doch so sehr gehofft, dass das Problem endlich behoben wäre. Dennoch, wir ließen uns nicht entmutigen und kamen langsam aber sicher am "Parking Lot" zum Clingsman Dome an; dieser ist der höchste Punkt des Nationalparks. Es war die Hölle los und der Parkplatz verhältnismäßig klein; wir ergatterten glücklicherweise noch eine Parklücke (bestehend aus 3-4 Parkplätzen). Von dort aus kann man die letzten 0,5 Meilen (800 m) zu Fuß zum Aussichtsturm laufen. Die Parkangestellte wünschte mir viel Spaß und sagte sie hoffe, dass mein Akku voll und die Bremsen gut in Schuss sind. Ich hatte zuvor schon gelesen, dass es ziemlich steil bergauf geht, aber ich war zuversichtlich, dass das mit meinem Segway machbar sein würde. Schon beim ersten Anblick des steilen Anstiegs musste ich schmunzeln, ich war hier definitiv allen Fußgängern gegenüber im Vorteil. Während so gut wie alle nach ein paar Metern nach Luft rangen und immer langsamer wurden, zogen Lennox und ich relativ mühelos an ihnen vorbei. Unser Gespann fiel auf. Die einen beneideten mich um meinen fahrbaren Untersatz und die anderen um Lennox, der in seinem Arbeitsdress (Service-Dog) vorbildlich neben mir hertrottete. Sebastian hielt in seinen Flipflops gut Schritt, das muss man sagen... wenn auch nicht ganz mühelos.

Am "Observation Tower" in 6.643 Fuß = 2.024 m Höhe angelangt war der Ausblick jedoch alle Mühe wert.

Ein paar FunFacts: Der Great Smoky Nationalparks liegt in den Appalachen der US-Bundesstaaten North Carolina und Tennessee. Der höchste Punkt des Nationalparks ist gleichzeitig auch der höchste Punkt Tennessees.


Nach diesem- zumindest für Seb & Lennox -anstrengenden Ausflug, dachte ich es sei eine gute Idee den "Roaring Fork Motor Nature Trail" zu fahren bevor wir unser Nachtlager am schon vor Tagen gebuchten Campground "Cades Cove" auf der anderen Seite des Parks beziehen wollten. Eins vorab: Dazu kam es nie!

Um auf den Trail zu gelangen mussten wir durch Gatlinburg, scheinbar die Party-Metropole der Gegend. Viele Menschen, laute Musik, Touri-Läden, Kneipen, Restaurants, das volle Programm. Das lenkte uns so sehr ab, dass wir die erste Zufahrt verpassten. Das war nicht so tragisch, denn wir wollten ohnehin eine Pause einlegen. Wir parkten bei der erst-besten Gelegenheit und ließen die Bremsen abkühlen; die glühten förmlich von der steilen und vor allem langen Abfahrt. Nachdem die Bremsen sich halbwegs erholt hatten ging die wilde Fahrt weiter. Eigentlich müsste ich sagen: dann ging's erst richtig los.

Die erste Meile war noch ganz ok, eine geteerte Straße mit Berg- und Talfahrt, durch den Wald. Nicht mega breit aber vollkommen ok. Ich war dennoch froh, dass ich nicht am Steuer saß. Je weiter wir fuhren umso zugeparkter and enger wurde der Weg. Gefühlt mit jeder Kurve wurde der Weg schmaler und mein Nervenkostüm enger. Seb' war zwar genervt von den vielen Autos, die echt beschissen parkten aber noch relativ entspannt.

Und aus dem Chaos sprach eine Stimme zu mir: „Lächle und sei froh, es könnte schlimmer kommen!“, und ich lächelte und war froh, und es kam schlimmer…!

Wir hatten ca. die Hälfte des Trails geschafft als die Bäume rechts und links immer mehr in die Straße ragten, die Kurven noch enger wurden und zu guter letzt schmale Holzbrückchen die Misslichkeit kompletierten. Die ersten Brücken meisterten wir noch. Doch dann ging es bergauf, bergab, um die Kurve und dann war sie da, diese kleine bescheidene Holzbrücke - noch fast in der Kurve liegend. Keine Chance den richtigen Winkel zu treffen. Mein "das passt nicht" Geschrei half auch nicht mehr als der äußere Zwillingsreifen hinten rechts an der Kante der seitlichen Brückenbegrenzung vorbei schrammte und mit einem lauten Knall platzte und die Luft mit einem lautem Zischen entwich.

Ich hätte heulen können... aber ich war viel zu angespannt. Wir waren ja immernoch nicht aus dem Schlamassel raus. Der Bus neigte sich mit dem platten Reifen nun noch mehr nach rechts, es fühlte sich an als würden wir gleich umkippen. Einmal wurde es so steil, dass wir vorne rechts richtig hart aufsetzten.

Ich weiß nicht wie, aber irgendwann hatten wir es tatsächlich aus der Hölle raus geschafft. Ich war fix und fertig. Sebastian ist jahrelang LKW gefahren; er ist mir in solchen Situationen weit voraus. Er hat die Ruhe bewahrt. Hätte ich am Steuer gesessen, ich hätte heulend aufgegeben und wäre einfach nicht mehr weiter gefahren.

Diese Fahrt waren auch die 2 Braunbären nicht wert, denen wir unterwegs begegnet waren. Fotos und Videobeweise für die ganze Tortur gibt es nicht wirklich, dafür hatte ich keinen Nerv. Nur einem kläglichen Versuch

den Braunbären zu filmen.

Den restlichen Nachmittag verbrachten wir damit eine Werkstatt in der Nähe zu finden, die einen Ersatzreifen unserer Größe auf Lager hat. Das war gar nicht mal so einfach. Nachdem wir ungefähr 8 Werkstätten abtelefoniert hatten, fanden wir jemanden in Knoxville, der uns den Reifenwechsel für den nächsten morgen zusicherte. Das Problem: 40 Meilen mit einem geplatzten Reifen fahren ist nicht schön und äußerst gefährlich. Ich hatte Panik, dass der Zwillingsreifen überhitzen, die Räder Feuer fangen würden und der Bus im "worst case" in Flammen aufgeht. Wir hatten keine Wahl, wir mussten fahren, legten aber Pausen ein um zu prüfen, ob sich Hitze entwickelte. Das war zumindest ein guter Anlass einen Feuerlöscher zu kaufen.

Der für die Nacht gebuchte Platz im Nationalpark war mit dem geplatzten Reifen aus dem Rennen, nicht zuletzt weil er in der anderen Richtung lag.

Wir verbrachten die Nacht nicht weit von der Werkstatt entfernt, sodass wir am nächsten morgen um 9 Uhr das Kapitel kurz und schmerzlos abschließen konnten. Die Reisekasse war allerdings um ca. 500 Dollar geschrumpft.




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